Der Chemiker von Leben und Tod
"Im Frieden gehört ein Gelehrter der Welt, im Kriege aber seinem Vaterlande."
Ein zweischneidiges Erbe: Sein Verfahren zur Stickstofffixierung ernährt heute Milliarden, doch seine Pionierarbeit in der chemischen Kriegsführung leitete eine neue, schreckliche Ära des Kampfes ein.
In der Geschichte der Wissenschaft verkörpern nur wenige Figuren das moralische Paradox des Fortschritts so scharf wie Fritz Haber. Er war der Mann, der „Brot aus der Luft zog“, um die Menschheit vor dem Verhungern zu retten, nur um später „Gift in den Wind zu gießen“, um sie zu vernichten. Habers Leben war eine tragische Symphonie aus immensem Beitrag und verheerender Zerstörung, getrieben von einem leidenschaftlichen, bedingungslosen Patriotismus, der ihm schließlich zum Verhängnis werden sollte.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Welt am Abgrund einer katastrophalen Hungersnot. Die natürlichen Nitratvorräte schwanden, und die Erde konnte die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren. Haber löste das Unlösbare. Indem er entdeckte, wie man Ammoniak aus dem Stickstoff der Atmosphäre synthetisiert, legte er den Grundstein für Kunstdünger. Heute schätzt man, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung dank des Haber-Bosch-Verfahrens am Leben ist. Dafür wurde er als Retter gefeiert und mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er hatte die Natur besiegt, um die Welt zu ernähren.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, nahm Habers Genie eine räuberische Wendung. Er wurde zum Architekten der chemischen Kriegsführung, überzeugt davon, dass die Wissenschaft dem Staat über alle moralischen Erwägungen hinaus dienen müsse. Am 22. April 1915 überwachte er in Ypern persönlich die Freisetzung von 168 Tonnen Chlorgas. Während die grüne Wolke Tausende von Soldaten in qualvollem Schmerz ersticken ließ, beobachtete Haber dies durch sein Fernglas, im Glauben, er würde ein schnelleres Ende des Krieges herbeiführen. Er argumentierte bekanntlich, dass Tod gleich Tod sei, unabhängig von der Methode, aber die Welt – und seine eigene Familie – sah das anders.
Das moralische Gewicht von Habers Arbeit forderte sein erstes Opfer im eigenen Heim. Seine Frau Clara Immerwahr, die erste Frau, die in Deutschland in Chemie promovierte, flehte ihn an, seine „Pervertierung der Wissenschaft“ zu beenden. Als er sich weigerte, nahm sie sich mit seiner Dienstpistole im Garten das Leben. Unbeirrt setzte Haber seine Forschung fort und entwickelte sogar das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon A. In einer grausamen Wendung der Geschichte sollte seine Arbeit später zu Zyklon B verfeinert werden – dem Gas, mit dem die Nazis Millionen von Juden ermordeten, darunter auch Mitglieder von Habers eigener Verwandtschaft.
Habers letzte Jahre waren von tiefem und bitterem Bedauern geprägt. Trotz seiner Verdienste um Deutschland wurde er 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft ins Exil gezwungen. Er starb in einem Hotel in Basel, ein Mann, der von dem Land abgelehnt wurde, dem zu dienen er sein Gewissen geopfert hatte. Sein Bedauern galt nicht nur dem schrecklichen Erbe des Gaskriegs, sondern auch der Erkenntnis, dass sein Versuch, seinen Wert durch Zerstörung zu beweisen, ein vergebliches Unterfangen war. Er bleibt eine mahnende Erinnerung daran, dass Wissenschaft, wenn sie ihrer Seele beraubt und nur an nationalistischem Stolz verankert ist, zu einer Brücke sowohl zum Himmel als auch zur Hölle werden kann.
Fritz Haber (1868–1934) war ein deutscher Chemiker, der 1918 den Nobelpreis für Chemie für seine Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens erhielt.
Geboren in Breslau in eine jüdische Familie, konvertierte später zum Christentum.
Perfektioniert die Ammoniaksynthese und beendet damit die Gefahr globaler Hungersnöte.
Überwacht den ersten großen Gaseinsatz in Ypern und verändert die Kriegführung für immer.
Erhält den Nobelpreis für Düngemittel, während er von vielen als Kriegsverbrecher gebrandmarkt wird.
Stirbt in der Schweiz, vom NS-Regime trotz seiner Verdienste verstoßen.
Stickstofffixierung: Unverzichtbar für die globale Lebensmittelproduktion.
Chemische Kriegsführung: Entwickelte Chlor und andere Giftgase für den Ersten Weltkrieg.
Nobelpreis für Chemie: Für die Synthese von Ammoniak.
Eisernes Kreuz: Für seinen Militärdienst im Ersten Weltkrieg.
Ihm wird sowohl das 'Ernähren der Welt' als auch das 'Einführen der chemischen Kriegsführung' zugeschrieben. Sein Werk bleibt eine zentrale Fallstudie in der Wissenschaftsethik.
Starb am 29. Januar 1934 im Exil in Basel, Schweiz.
Flüstern durch die Zeit